WORKSHOP: Journalistische Berichterstattung über Menschen mit psychischen Erkrankungen und deren FolgenIm Rahmen eines eintägigen Workshops im Haus der Universität in Düsseldorf diskutierten Journalisten aus unterschiedlichen Medien mit Betroffenen, Angehörigen und Fachleuten darüber, was bei der Berichterstattung über Menschen mit psychischen Erkrankungen beachtet werden sollte.

Kernpunkte waren der sensible und vertrauensvolle Umgang mit Interviewpartnern, sowie eine differenzierte Darstellung der verschiedenen Erkrankungen und Therapieformen. Als Hilfestellung für die Medienvertreter wurde eine Broschüre mit praktischen Empfehlungen und Kontaktadressen vorgestellt, die ein Expertenteam des Aktionsbündnis Seelische Gesundheit verfasst hat.

"Ich würde mir wünschen, dass der aufklärerische Aspekt über psychische Erkrankungen mehr im Fokus der Berichterstattung steht und weniger die persönliche Story des Betroffenen", so der Appell von Prof. Wolfgang Gaebel, Vorsitzender des Aktionsbündnisses und Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Düsseldorf. Er hob auch in seinem Impulsvortrag die große Verantwortung der Medien hervor, denen eine besondere Rolle bei der Bekämpfung von Stigmatisierung und Diskriminierung psychischer Erkrankungen in unserer Gesellschaft zukomme.

Prof. Tillmann Supprian, Leiter der Abteilung Gerontopsychiatrie am LVR-Klinikum und Vorstand des Düsseldorfer Bündnis gegen Depression legte den Medienvertretern vor allem beim Thema Suizid möglichst große Zurückhaltung ans Herz. Dabei verwies er auf den sogenannten Werther-Effekt, der bei bestimmten Formen der Berichterstattung Nachahmungstaten hervorrufen kann. "Kritisch wird es vor allem dann, wenn die Suizid-Methode oder der Tatort in der Presse detailliert beschrieben werden. Dadurch rücken `hot spots` wie Brücken oder Bahnübergänge ins Interesse der Öffentlichkeit und ziehen gefährdete Menschen geradezu an." Stattdessen sollte mehr auf Hintergründe des Krankheitsbildes und Möglichkeiten der Krisenbewältigung eingegangen werden, regte Supprian an.

Die Bedeutung einer vertrauensvollen Zusammenarbeit zwischen Betroffenen, ihren Familien und den Journalisten hoben Thomas Müller-Rörich, Vorsitzender der Deutschen Depressionsliga und Beate Lisofsky als Pressereferentin des Bundesverbands der Angehörigen psychisch Kranker, BApK hervor. Sie kann sich über mangelndes Interesse der Medien nicht beklagen, wünscht sich aber mehr Sorgfalt im Umgang mit den Interviewpartnern: "Es ist nicht einfach, über die eigene Geschichte zu sprechen und sein Gesicht in den Medien zu zeigen. Das erfordert viel Geduld, Zeit und Einfühlungsvermögen von Seiten der Journalisten".

Ein gelungenes Praxisbeispiel für eine sensible und angemessene Berichterstattung präsentierte die Wissenschaftsjournalistin Claudia Ruby mit ihrer ARD-Dokumentation "Wege aus der Depression".

In ihrem Film verfolgte sie das Schicksal von Patienten, die ihre Krankheit überwunden haben und zeigte neue Ansätze auf, die Volkskrankheit Nr. 1 zu behandeln. Sie verwies jedoch auch auf die Lebensrealität von Journalisten, die in ihrem Redaktionsalltag häufig nicht die nötige Zeit hätten, ein Thema wie Depression oder andere psychische Erkrankungen über Wochen intensiv zu recherchieren.

In diesem Punkt war sich die abschließende Diskussionsrunde unter Leitung der Moderatorin Katja Nellissen einig: Journalisten unterliegen bei ihrer Arbeit eigenen Gesetzen und sind auf schnelle und zuverlässige Informationen der Fachleute und Experten angewiesen. Die Broschüre mit den Empfehlungen zur Berichterstattung und dem angeschlossenen Serviceteil wurden dabei als ein wichtiger erster Schritt gewertet.

Der Journalisten-Workshop fand im Rahmen eines dreijährigen Medienprojekts statt, das vom Aktionsbündnis Seelische Gesundheit koordiniert und durch das Bundesministerium für Gesundheit finanziert und unterstützt wird.

Die Empfehlungen zur Berichterstattung über Menschen mit psychischen Erkrankungen können unter folgendem Link heruntergeladen werden.
leitfaden-berichterstattung-absg-2014.pdf (2.10 MB) 


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