Auftaktveranstaltung zur 8. Berliner Woche der Seelischen Gesundheit 2014 befasste sich mit dem Thema "Psychisch krank und mitten im Arbeitsleben?!"

Arbeit kann zur Stabilisierung von psychischen Erkrankungen entscheidend beitragen, doch in der Versorgung werden die gesundheitsförderlichen Aspekte von Arbeit häufig noch unterschätzt.
Dies ist ein Fazit der öffentlichen Podiumsdiskussion, die unter dem Titel "Psychisch krank und mitten im Arbeitsleben?!" im Rahmen der Auftaktveranstaltung zur 8. Berliner Woche der Seelischen Gesundheit am 9. Oktober in Berlin stattfand.

Auftaktveranstaltung zur 8. Berliner Woche der Seelischen Gesundheit 2014
Plenum

Die Fachleute aus Versorgung und Politik waren sich einig darin, dass Arbeit eine wichtige Form von Teilhabe an der Gesellschaft ist. Sie schafft ein soziales Umfeld, verleiht Anerkennung und erlaubt finanzielle Unabhängigkeit. Für Menschen mit psychischen Erkrankungen ist eine sinnstiftende Arbeit oft wichtiges Element zur Stabilisierung und Förderung ihrer seelischen Gesundheit. Teilhabe am Arbeitsleben ist für psychisch erkrankte Menschen aber derzeit noch keine Selbstverständlichkeit.

Die Berliner Staatssekretärin für Gesundheit, Emine Demirbürken-Wegner, betonte deshalb in ihrer Begrüßungsrede die Verantwortung jedes Einzelnen. Viele Betroffene seien "mittendrin und draußen". Sie bräuchten dringend Unterstützung von Chefs und Kollegen, um ihren Arbeitsplatz nach einer psychischen Erkrankung halten zu können. Auch Beate Lisofsky, stellvertretende Vorsitzende des Aktionsbündnis Seelische Gesundheit wies auf den Stellenwert der Arbeit für Betroffene und ihre Familien hin: "Zur Sorge um das erkrankte Familienmitglied kommt die Angst vor dem sozialen Abstieg, der nicht selten auch heute noch die Folge einer psychischen Erkrankung ist. Deshalb wünschen sich Betroffene und Angehörige gut informierte und zugewandte Arbeitgeber."

Staatssekretärin für Gesundheit, Emine Demirbüken-Wegner
Staatssekretärin für Gesundheit,
Emine Demirbüken-Wegner

Arbeit ist ein bewährtes und wirksames Therapieelement in der Psychiatrie

Dass Arbeit die seelische Gesundheit fördern und der Verlust von Arbeit sie gefährden kann, ist in der Psychiatrie keine neue Erkenntnis. Prof. Dr. Steffi Riedel-Heller aus dem Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) berichtete in einem Vortrag vom jüngsten Stand der Wissenschaft. Der Verlust von Arbeit wird oft einschneidend erlebt und kann zu sozialem Rückzug führen. Gleichzeitig wird Beschäftigung in der psychiatrischen Versorgung schon lange als wirksame Therapiesäule eingesetzt. Dabei verdichten sich die wissenschaftlichen Nachweise, dass Angebote in möglichst gesellschaftsnahen und vor allem arbeitsplatznahen Umfeldern langanhaltendere Stabilisierung bei psychischen Erkrankungen zeitigen, als konventionelle, sogenannte geschützte Arbeitsplätze.

vortrag_psychisch-krank-und-mitten-im-arbeitsleben.pdf (1.34 MB)

Prof. Dr. Steffi Riedel-Heller
Prof. Dr. Steffi Riedel-Heller

Viele psychisch Erkrankte bleiben berentet oder arbeitslos

Die Veranstalter
Die Veranstalter: Beate Lisofsky, stellv. Vorsitzende Aktionsbündnis Seelische Gesundheit (Mitte) und Dr. Iris Hauth, President Elect der DGPPN (rechts) im Gespräch mit der Moderatorin Petra Schwarz.

Trotz dieser Erkenntnisse zeugt die Versorgungsrealität davon, dass viele psychisch erkrankte Menschen in Deutschland aus der Arbeitswelt herausfallen. Zwar gibt es eine Vielzahl an Unterstützungsleistungen zur Rehabilitation und Wiedereingliederung, finanziert über die Rentenversicherung und die Bundesagentur für Arbeit, die Menschen mit psychischen Erkrankungen helfen sollen wieder auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Doch ihr Erfolg ist begrenzt. Das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit schätzt in seinem Bericht vom Dezember 2013, dass ein Drittel aller Bezieher von Arbeitslosengeld II psychisch erkrankt ist. Die Deutsche Rentenversicherung bewilligte allein 2013 über 70.000 Erwerbsminderungsrenten aufgrund einer psychiatrischen Diagnose, 43% der Gesamtberentungen. Unter den Akteuren, die sich dem Thema bereits verstärkt widmen, ist das DGPPN Referat Rehabilitation, das insbesondere zum Aspekt Arbeit und Beschäftigung psychisch kranker Menschen zukunftsweisende Konzepte zusammenträgt.

Podiumsdiskussion
Podiumsdiskussion: (v.l.n.r.) Prof. Dr. Katarina Stengler, Uniklinik Leipzig; Friedrich Kiesinger, Geschäftsführer Albatros GmbH; Dr. Rolf Schmachtenberg, Bundesministerium für Arbeit und Soziales; Dr. Thomas Hillmann, Deutsche Renten-versicherung Bund und Moderatorin Petra Schwarz.

Welche Lösungsansätze gibt es? Im Rahmen der Podiumsdiskussion sprach sich Dr. Ernst Schmachtenberg, Leiter der Abteilung Teilhabe und Belange behinderter Menschen im Bundesarbeitsministerium, dafür aus, die Zusammenwirkungsvorschriften für die Kosten- und Leistungsträger verbindlicher zu gestalten, um eine engere Verzahnung der Leistungen zu ermöglichen. Wichtig sei auch, so Prof. Dr. Katharina Stengler vom Universitätsklinikum Leipzig, das Thema Arbeit von Anfang an in den Behandlungsalltag einzubeziehen. Die Verzahnung der Akteure will die Deutsche Rentenversicherung nun stärken und plant, ab 2015 vermehrt integrierte medizinisch-berufliche Rehabilitation spezifisch für psychisch erkrankte Menschen anzubieten.


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